Psychotraumatologie für helfende Berufe, Start: März 2018

Als wir den Kurs "Psychotraumatologie für helfende Berufe" in 2015 startete, haben wir ein Interview mit den beiden Dozentinnen Linda Beeking und Dr. Elisabeth Görich geführt. Der aus zwei Modulen bestehende Kurs startet im März 2018 zu, dritten Mal. Frau Beeking ist Psychologische Psychotherapeutin, Supervisorin BDP, PITT, EMDR-Therapeutin, Frau Dr. Görich Fachärztin für Psychiatrie, Supervisorin, PITT. In dem Seminar werden wesentliche Elemente der Psychodynamisch Imaginative Trauma Therapie (PITT) nach Dr. Luise Reddemann vermittelt. "PITT zielt darauf ab, die Menschen ressourcenorientiert dabei zu unterstützen, ihre Selbststeuerung wiederzugewinnen, Selbstmitgefühl zu entwickeln und eine Ich- Stärkung zu erfahren."

PAS: In dem Seminar werden wesentliche Elemente der Psychodynamisch Imaginative Trauma Therapie (PITT) nach Dr. Luise Reddemann vermittelt. Könnten Sie bitte kurz diesen Ansatz und die Methodik erläutern, gerne auch im Vergleich zu Anderen.

LB: Pitt ist konzipiert für die Behandlung von Menschen mit (komplexen) Traumafolgestörungen. Für traumatisierte Menschen ist eine sicherheitsspendende therapeutische Beziehung die Basis der Behandlung. Methodisch orientiert sich PITT daran, welche neurobiologischen und psychodynamischen Stressfolgestörungen bei traumatisierten Menschen in der Regel auftreten. Dies betrifft unter anderem Veränderungen in der Affektregulation und Impulssteuerung, Veränderungen der Selbstwahrnehmung und auch Somatisierung.

PITT zielt darauf ab, die Menschen ressourcenorientiert dabei zu unterstützen, ihre Selbststeuerung wiederzugewinnen, Selbstmitgefühl zu entwickeln und eine Ich- Stärkung zu erfahren. Besonderer Wert wird darauf gelegt, dass es nicht zu unkontrolliertem dissoziativem Verhalten kommt. Die Stabilisierung in der PITT erfolgt unter anderem durch Wahrnehmungsschulung, Achtsamkeit und die Etablierung innerer und möglichst auch äußerer Sicherheit. Eine zu frühe Traumakonfrontation wird als kontraindiziert gesehen. Gleichwohl haben die verschiedenen Interventionen zum Beispiel die zentrale Arbeit mit Verletzten jüngeren (kindlichen) Anteilen traumaverarbeitende Elemente und Funktion.

Theoretische Grundlage ist das 3-Phasen-Modell nach Janet, das Konzept der peritraumatischen Dissoziation beziehungsweise das Ego-State Modell von Federn sowie Watkins und Watkins. In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung der Traumatherapie werden zunehmend auch Ansätze propagiert, in denen möglichst schnell traumakonfrontativ gearbeitet werden soll. Dies beinhaltet aber auch, dass mit hoher bis massiver Erregung gearbeitet wird.

Frau Professor Doktor Reddemann ist die Würdeorientierung der von ihr entwickelten Therapieform sehr wichtig. Resilienz und Ressourcenorientierung sind deshalb Basis in der Behandlung und die genaue Abstimmung in der Therapie mit den Patient/-innen. Dies wird ja auch vom Gesetzgeber gefordert, der uns Behandler/-innen in die Pflicht nimmt, das Vorgehen einvernehmlich und nach ausreichender Information des Patient/-innen auch über mögliche unerwünschte Nebenwirkungen mit den Patient/-innen abzustimmen. Das Vorgehen bei PITT berücksichtigt sowohl die neueren Erkenntnisse der Stress-Verarbeitung als auch die Erkenntnisse aus der Bindungsforschung.

PAS: Warum sollten sich Fachkräfte, die mit Menschen zu tun haben, in dem Bereich der Psychotraumatologie weiterbilden?

EG: In allen Berufsfeldern (Pflege, Pädagogik, Sozialarbeit, Seelsorge usw.) gibt es unter den Menschen, die die Fachkräfte betreuen, einen gewissen Anteil traumatisierter Menschen. Da traumatisierte Menschen Stressfolgestörungen bis (komplexe) Traumafolgestörungen entwickeln können, sollen die Fachkräfte Kenntnisse darüber haben, was ein Trauma auslösen kann und welche Wege der Verarbeitung es gibt.

Fachkräfte müssen manchmal erleben, dass sonst wirksame Interventionen nicht greifen, so dass sie sich hilflos in ihrem Handeln erleben. Deshalb sind spezifische Fachkenntnisse erforderlich, um z.B. bestimmte Verhaltensweisen wie dissoziatives Verhalten oder Übererregung erkennen und zuordnen zu lernen, um die Klienten/-innen respektvoll dabei zu begleiten, ihre Selbststeuerung wieder zu erlangen und Anschluss an die Ressourcen zu finden. Fachkenntnisse sollen Klient/-innen und Fachkräfte gleichermaßen dabei unterstützen, auf eigene Grenzen zu achten.

LB: Gerade im Bereich der Betreuung geistig oder körperlich behinderter Menschen ist man auch oft mit Traumatisierungen konfrontiert, die besonders kreative Interventionen im täglichen Umgang erfordern. Hier sind spezifische Kenntnisse für die eigene Entlastung bei der Betreuung und Pflege von unschätzbarem Wert.

PAS: Wie nehmen Sie die aktuelle Situation wahr? Und können Sie Beispiele aus der Praxis nennen, in denen Sie mit traumatisierten Menschen arbeiten und kurz erläutern, was die größten Herausforderungen sind und wie Sie diese meistern.

LB: Die aktuelle Situation sehe ich so, dass es zunehmend ein besseres Bewusstsein für Traumatisierungen und daraus folgende mögliche Traumafolgestörungen gibt. Auch die transgenerationale Weitergabe von Traumata ist zu einem wichtigen Thema geworden. In Krankenhäusern und Altenheimen sehen wir alte Menschen, die erstmals nach einem operativen Eingriff oder durch die Pflegebedürftigkeit mit psychischer Auffälligkeit reagieren, nachdem sie zeitlebens stabil und psychisch gesund waren. In vielen Fällen findet sich hier eine Traumareaktivierung, nachdem es eine weitgehende Symptomfreiheit seit dem Traumaereignis gab.

Die Ärzte in der primärärztlichen Versorgung sind zunehmend sensibilisiert für traumatisierte Menschen und empfehlen eine Behandlung bei Psychotherapeut/-innen die psychotraumatologisch spezialisiert sind. Dies betrifft sowohl akut traumatisierte Menschen, nach Unfällen, gewalttätigen Übergriffen oder im Zusammenhang mit lebensbedrohlichen Erkrankungen, als auch Patient/-innen, bei denen man aufgrund von  Somatisierung oder chronifizierenden Erkrankungen eine mögliche Traumagenese abklären sollte. In der ambulanten Praxis stellen sich sowohl akut traumatisierte Menschen vor, als auch Patient/-innen mit Traumafolgestörungen, die aus Traumatisierungen verschiedener Lebensphasen resultieren.

Eine besondere Hausforderung ist es sicherlich, wenn Menschen mit einer komplexen Traumafolgestörung, die aus einer sogenannten Man-made-Traumatisierung resultieren, das Wagnis eingehen, sich ihrer Problematik zu stellen und bereit sind, sich auf die therapeutische Beziehung einzulassen. Diese Patent/-innen haben eine schwere Bindungsstörung, da sie in früher Jugend von Bindungspersonen Gewalt, auch sexualisierte Gewalt oder schwere Vernachlässigung erfahren haben. Diese Patientin kann ich ebenso mit PITT behandeln, wie auch Menschen, die durch eine Krebserkrankung eine existentielle Bedrohung erleben oder Menschen, die durch lebensgeschichtliche Ereignisse, wie Krieg, Flucht, Vertreibung, Unfall etc. traumatisierte sind.

Besonderes Augenmerk gilt auch Menschen, die in Ausübung ihres Berufes traumatisiert werden, wie z.B. Feuerwehrangehörige, Polizei, Rettungspersonal, Pflegepersonal, Zugführer usw. Wichtig ist es immer, eine individuelle Behandlungsplanung zu erarbeiten. Die Herausforderungen bestehen für mich darin, selber für eine gute Psychohygiene zu sorgen, mich mit Kolleg/-innen zu vernetzen und auch selbst noch Supervision in Anspruch zu nehmen.

EG: In den beiden psychiatrischen Tageskliniken, für die ich zuständig bin, gibt es unter den Patient/-innen und Mitarbeiter/-innen ein zunehmendes Bewusstsein für Traumatisierungen und eine Bereitschaft, sich damit auseinander zu setzen. Es melden sich sowohl Personen nach akuter Traumatisierung als auch Menschen, deren Erkrankungen eine sorgfältige Diagnostik erforderlich machen, wenn der Verdacht auf eine Traumagenese besteht. Das tagesklinische Behandlungsangebot ist für viele Menschen eine gute Option, um so viel Kontrolle wie möglich zu haben.

In PITT ausgebildete und erfahrene Mitarbeiter/-innen können mit ihrer Haltung dazu beitragen, die für die Patient/-innen häufig sehr anstrengende und belastende Behandlungssituation so wertschätzend und sicher wie möglich zu gestalten. Mir ist sehr wichtig, die Patient/-innen dabei zu unterstützen, Ressourcen (wieder) zu entdecken und sie dabei zu unterstützen, wieder möglichst viel Selbststeuerung zu erlangen. Eine große Herausforderung ist es für mich, mich berühren zu lassen unter Beachtung meiner eigenen Grenzen.

PAS: Traumfolgestörungen sind komplex und können ganz unterschiedlich sein. Wie schaffen Sie es, in dem Seminar die verschiedenen Bedürfnisse der Teilnehmenden unter einen Hut zu bekommen?

LB: Zunächst einmal ist es wichtig, dass alle Teilnehmenden die Grundlagen der Psychotraumatologie vermittelt bekommen. Die Ressource- und Resilienzorientierung in PITT vermittelt eine achtsame und würdeorientierte Beziehungsarbeit anhand spezifischer Interventionen. Diese werden als Basis unterrichtet.

Die Umsetzung in das spezifische Berufsfeld wird exemplarisch unterrichtet und dann in Kleingruppen geübt. In diesen Kleingruppen können die Teilnehmenden das jeweilige Fachwissen ihrer Profession einbringen und das neu Gelernte mit dem bisherigen Fachwissen vernetzen. Gerade durch Rollenspiele, Kleingruppenarbeit und Austausch im Plenum wird sowohl das spezifische der einzelnen Berufsgruppen, als auch das übergreifende Basiskonzept sehr gut zusammengeführt. Natürlich wird es zu Beginn und in jeder Unterrichtseinheit die Möglichkeit geben, die eigenen Bedürfnisse einzubringen.

Für sehr spezielle Fragestellungen, die eventuell nur in ausgesuchten Berufsfeldern relevant sind haben wir mit der Akademie bereits Themenseminare besprochen, die sich dann an den explizit nachgefragten Themen orientieren und nach Abschluss des Basismoduls belegt werden können.

Infos zum fünftägigen Seminar bestehend aus zwei Modulen:

Der Kurs richtet sich an Berufsgruppen, die in ihrer Arbeit auf Menschen mit Traumafolgestörungen treffen und sich Grundkenntnisse im hilfreichen Umgang mit diesen Menschen aneignen wollen. Sie ist geeignet für alle Interessierten aus Sozial- und Gesundheitsberufen, z.B. aus der Krankenpflege, Kinder-, Jugend- und Heimerziehung, Seelsorge, Sozialarbeit, Beratungsstellen.

Es werden im wesentlichen Elemente der Psychodynamisch Imaginativen Traumaarbeit (PITT) nach Prof. Dr. Luise Reddemann vermittelt, die der Stabilisierung und Affektregulation dienen, da diese in helfenden und beratenden Berufen geleistet werden kann.

Der Kurs umfasst insgesamt fünf Tage und ist in zwei Basismodule aufgeteilt, die aufeinander aufbauen und nur zusammen gebucht werden können.

Anmeldeschluss: 13.02.2018
Termine: 13. - 14.03.2018 & 11. – 13.06.2018
Ort: Stuttgart
Dozentinnen: Linda Beeking, Dr. Elisabeth Görich
Beitrag: € 995,-/1185,-

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